Gedicht des Tages
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.
Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!
Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.
Kurt Tucholsky, 1930, veröffentlicht in “Die Weltbühne”
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27. Oktober 2008 um 23:23
Das passt dann doch etwas zu gut.
Scheinbar ein Hoax das mit Tucholsky…
http://commonsblog.wordpress.com/2008/10/22/kurt-tucholsky-uber-die-finanzkrise/
28. Oktober 2008 um 00:31
Mist, man kann heutzutage nicht kritisch genug sein.
Danke für die Aufklärung!
28. Oktober 2008 um 08:29
Tja der gute Kurt, ob der sich ddamals schon dachte, das er mal zeitlos sein wird? Oder hat er es etwa drauf angelegt? Ist ja nicht das einzige von ihm das aktuell klingt.
28. Oktober 2008 um 09:11
Ach ja, hier gibts übrigens eine Aufklärung zu dem Gedicht: http://www.sudelblog.de/?p=378
29. Oktober 2008 um 09:50
Es war schon immer so. Die Fettaugen schwimmen oben und für den Rest bleibt das Wasser.
13. November 2008 um 22:30
Gedicht des Tages:
Ein Kerschhofer, kein Tucholsky
Ein angeblich von Kurt Tucholsky verfasstes Gedicht aus dem Jahr 1930 zur Finanzkrise hat in den vergangenen Wochen für Aufregung gesorgt. Geschrieben wurde es aber 2008 vom Wiener Autor Richard Kerschhofer.
Anmerkung: Derivate, wie sie im Gedicht vorkommen, gab es 1930 noch gar nicht.
Gruß,
H.