Usability – warum nur für Computer?


Ein guter Artikel bei TechCrunch über Usability bei Haushaltsgeräten hat mich gerade wieder auf das Thema gebracht, das mich auch schon seit langem beschäftigt: Usability ist in der Computer/Internet-Branche seit mittlerweile vielen Jahren ein etabliertes Thema und jeder weiß, dass die einfache Benutzbarkeit für nicht-Experten oftmals ein entscheidendes Erfolgskriterium für neue Produkte ist. Google, Facebook, Youtube und viele weitere waren nicht die ersten in den jeweiligen Märkten, aber die ersten, die einfach benutzbare Produkte gebaut haben. Apple hat nach Jahren, in denen Telefone immer komplizierter aber kaum besser wurden, mit dem iPhone ein Zeichen für Usybility gesetzt.
Obwohl diese Erkenntnisse auch leicht auf fast alle anderen Konsumgüten übertragbar wären, scheinen deren Hersteller sich noch immer im Tiefschlaf zu befinden. Noch immer werden die allermeisten Produkte so designt, als müssten Ingenieure ihre Kollegen damit begeistern, wie viele neue Funktionen sie in einer Eieruhr unterbringen können.
Gegen neue sinnvolle Funktionen ist auch nichts einzuwenden, nur sollten sie einhergehen mit verständlichem Design. Dass meine Waschmaschine tausende Funktionen und 17 verschiedene Schleuderprogramme hat, ist für mich das Gegenteil eines Kaufarguments, solange ich selbst auswählen muss. Das kann und will ich als Laie aber nicht. Und die Entwickler solcher Produkte haben offensichtlich große Probleme, sich vorzustellen, wie Laien (also 99% ihrer Kunden) denken. Eine Maschine, die selbst erkennt, welcher Waschgang gerade passt und mich nicht mit den Details belästigt, die will ich haben.

Geradezu schockiert war ich kürzlich von der Usability der neuen E-Klasse von Mercedes. Da werden Milliarden investiert in die Entwicklung eines neuen Automodells und dann bleiben nicht die paar Millionen für ein vernünftiges Design der Innenraumbedienelemente? Statt dessen ist die Mittelkonsole vollgepflastert mit tausend Knöpfen, die kein Mensch überblicken kann. Und die zudem noch gruselig aussehen.
Auch ein Taxifahrer hat mir diesbezüglich kürzlich sein Leid geklagt: Früher hatte er einen einfachen Knopf in der Mittelkonsole, um das Taxizeichen an- und auszuschalten. Jetzt ist diese Funktion in der dritten Ebene eines Einstellungsmenüs versteckt, das über die Lenkradtasten zu bedienen ist. Eine selbst für den dümmsten Konstrukteur offensichtlich vorhersehbare Usability-Katastrophe.
Dabei wäre die Lösung so einfach: Ein großer Touchscreen in der Mittelkonsole, der direkt auf dem Startbildschirm die für den jeweiligen Benutzer wichtigsten Funktionen darstellt. Das System erkennt sie nach kurzer Zeit automatisch, weil sie am meisten benutzt werden. Für den Taxifahrer wäre das der Ein- und Ausschalter für das Taxilicht, für andere Fahrer derzeit wahrscheinlich die Sitzheizung und die Auswahl der drei meistgehörten Radiosender.
Doch bei den Autoherstellern scheint sich niemand Gedanken über Benutzbarkeit zu machen. Nehmt euch bitte endlich ein Beispiel an Google, Zynga oder Facebook!
Die Zauberformel ist einfach und heißt Auswertung von Benutzungsdaten: Schlaue Internetfirmen wissen genau, wie ihre Produkte benutzt werden. An welchen Stellen Benutzer abbrechen und welche Funktionen mehr und welche weniger häufig aufgerufen werden. Und sie entwickelt aus diesen Daten Benutzeroberflächen, die einfach bedienbar und selbsterklärend sind und die idealerweise auch noch automatisch individuell auf den jeweiligen Nutzer angepasst werden und somit niemals die für einen bestimmten Nutzer mit Abstand wichtigste Funktion in der dritten Menüebene verstecken.

Und das Thema gilt natürlich nicht nur für Waschmaschinen und Autos: Genauso sehe ich kommen, dass in vielen weiteren Haushaltsgerätebereichen etablierte Hersteller von neuen abgelöst werden, wenn sie das Thema Usability noch länger verschlafen.





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5 Kommentare zu “Usability – warum nur für Computer?”

  1. Malte
    28. Dezember 2010 um 15:44

    Hi Thomas,

    Du sprichst mir aus der Seele. Die Usability bei Alltagsgegenständen (und vor allem auch bei Autos) wird oftmals sträflich vernachlässigt.

    Ich habe einst mal einen Blog gestartet, der sich des Themas schwerpunktmäßig annehmen sollte: http://www.usability-freunde.de – allerdings ist dieser gerade bis auf Weiteres aus zeitlichen Gründen pausiert.

    Wie dem auch sei, freut mich dass das Thema auch mal an anderer Stelle hochkommt; es hat auf jeden Fall Zukunft.

    Beste Grüße

    Malte

  2. AKamleiter
    28. Dezember 2010 um 16:02

    Diese Problematik fällt mir auch immer wieder auf und ich denke in diesem Bereich wird sich in den nächsten Jahren auf jeden Fall ein Markt entwickeln.
    Hatte neulich nach einem einfachen Radio mit CD-Player für meine Großmutter(80) gesucht. Kann ja wohl nicht so schwer sein sowas möglichst benutzerfreundlich zu gestalten, damit ältere Menschen damit klar kommen. Bei Telefonen und Handys gibt es ja schon spezielle Senioren-Modele, warum also nicht auch für andere Elektrogeräte? Bei unserer alternden Gesellschaft sollte sich in den nächsten Jahren hoffentlich etwas tun.

  3. Nedim Sabic
    28. Dezember 2010 um 17:52

    So weit ich weiss investiert nur Porsche so richtig in Usability. BMW hatte ein paar Anfängerversuche vor der Rezession und Daimler spart an der falschen Ecke. Open Konsolensoftware wird von Japanern programmiert und da wird leider auch kein Usability Test durchgeführt. Ich weiss nicht woran es liegt, aber auch im Homeentertainment stecken die deutschen nicht allzuviel Geld in Usability rein, obwohl die meisten Marken HQ sind.

  4. Janine
    2. Mai 2011 um 17:52

    Tja, was ist vom Anspruch des Bauhaus übriggeblieben? Nicht viel, denkt man manchmal. Das Thema sollte unbedingt wieder auf die Tische und in die Köpfe!

  5. Erik
    22. Mai 2018 um 00:18

    Sehr interessant!

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