Arbeitsplätze schaffen – wie lange wird das noch ein gutes Argument sein?


Immer wieder stimmen mich Meldungen nachdenklich von Unternehmen und Unternehmern, die sich damit rühmen, wie viele Arbeitsplätze sie schaffen. In Zeiten von allgemeiner Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit ist das natürlich auch eine gute Sache, dann ist auch jeder noch so unproduktive Arbeitsplatz ein guter Arbeitsplatz.

Vor uns liegt aber eine ernsthafte Knappheit qualifizierter Arbeitskräfte. Nicht nur in Deutschland, wo sich anhand demographischer Daten heute schon ein sich weiter verstärkender Mangel an jungen Menschen und damit Arbeitskräften mit großer Sicherheit vorhersagen lässt. Lehrstellenknappheit wird es auf Jahrzehnte in Deutschland nicht mehr geben. Dafür das Gegenteil, eine Knappheit an jungen Menschen.

Angesichts dieser Tatsache muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob “Arbeitsplätze schaffen” in Zukunft noch eine positive Angelegenheit sein wird, oder man es bald eher als ein “Arbeitskräfte anderen wegnehmen” (die diese vielleicht für die Gesellschaft nützlicher einsetzen könnten) sehen wird.

Übrigens sind wir mit dem Problem nicht allein. China steuert auf eine ähnliche Bevölkerungsentwicklung zu wie Deutschland. Der Rest der Welt früher oder später auch, wenn das Bevölkerungswachstum sich weltweit abschwächt. Was sich nicht verhindern lassen wird.

Auch wenn viele Politiker noch daran glauben, dass wir vor allem arbeitslose Baggerfahrer zu IT-Experten umschulen sollten: Der weltweite War for Talents hat schon längst begonnen, ob uns das gefällt oder nicht.





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6 Kommentare zu “Arbeitsplätze schaffen – wie lange wird das noch ein gutes Argument sein?”

  1. AndréG
    29. September 2011 um 15:40

    Tjah, und auf der anderen Seite werden jungen, willigen Talenten dann absolut dämliche “Angebote” gemacht, die eher an Sklavenarbeit als an ernstgemeinte Arbeitsstellen erinnern.

    Ich habe dies jüngst selbst erlebt, nachdem ich versucht hatte direkt in meinem Studienfeld eine Arbeitsstelle zu bekommen. Statt vernünftiger Angebote bekam ich Praktikantenstellen auf 400€ Basis angeboten. Das mit mehreren Jahren Berufserfahrung und abgeschlossenem Studium, durchgeführten Projekten etc. pp. ist einfach nur noch lächerlich.

    Ich stimme dir also zu, dass es eine Verknappung der Fachkräfte geben wird – aber gerade dann wird es auch umso wichtiger sein, dass Unternehmen in junge Kräfte mehr investieren und diese nicht wie billigste “Arbeiter” behandeln, die für einen Hungerlohn, der nicht einmal die Lebenshaltungskosten deckt, möglichst auch noch Überstunden schieben sollen…

    Ich bin gespannt, wie es sich entwickelt. Die Hoffnung, dass das Praktikantensystem dabei endlich mal abnimmt und vielleicht sogar wieder zu dem wird, was es einmal sein sollte (“In Berufe reinschnuppern”), bleibt bestehen…

  2. Jürgen
    29. September 2011 um 16:07

    Den War of Talents sehe ich hier auch noch nicht. Ich erlebe es ähnlich wie AndréG. Unternehmen versuchen vor allem, junge Leute auszupressen. Möglichst wenig Gehalt, trotzdem möglichst viel Arbeit. Als ich im vergangenen Jahr auf Jobsuche war, habe ich da so einiges erlebt, was einfach schlechter Stil war, weil man es mit den Bewerbern ja einfach machen konnte. Das wird sich eines Tages rächen. Wenn es wirklich in ein paar Jahren zu einem War of Talents kommen sollte, dann werde ich mich an genau diese Unternehmen erinnern – und meiden.

  3. Thomas Promny
    29. September 2011 um 16:13

    Dass es auf das Thema unterschiedliche Perspektiven gibt, ist klar.
    Ich kann mir allerdings nicht erklären, warum sich irgendjemand heute noch ausbeuten lassen muss. Alle Firmen, die ich kenne, suchen händeringend Mitarbeiter und überbieten einander teilweise schon mit verrückten Gehältern.

    Der einzige Grund für eure Erfahrungen scheint mir, dass ihr möglicherweise in Themengebieten unterwegs seid, in denen auch heute noch ein Überangebot an Arbeitskräften herrscht, weil zu viele Modedesign studieren oder Journalismus, weil sie glauben, das wären coole Jobs.

    Da muss auch noch Aufklärungsarbeit geleistet werden von Seiten der Unternehmen.

  4. Michael
    29. September 2011 um 16:16

    Stimmt. Aber dennoch sehe ich nicht einmal im Online Marketing, wo Fachkräfte mit Erfahrung ein bekanntermaßen rares Gut sind, auch eine entsprechende Haltung der Firmen, die so dringend Nachwuchs suchen.

    In vielen Fällen scheint man sich nicht einmal dort der Tatsache bewusst zu sein, dass es sich aufgrund des Verhältnisses zwischen offenen Stellen und geeigneten Bewerbern um einen arbeitnehmerfreundlichen Markt handelt.

    Anders kann ich mir die vielfach angebotenen niedrigen Gehälter nicht erklären. Vor allem wenn eine Abwerbung des betreffenden Kandidaten versucht wird. Zudem sollten viele Firmen mal dazu übergehen dem Bewerber mitzuteilen, warum er ausgerechnet dort arbeiten sollte. Scheinbar ist man vielfach noch das genaue Gegenteil gewohnt.

  5. Thilo
    29. September 2011 um 16:20

    Rührendes Argument, ja.

    Ich habe die Zahlen nicht im Kopf (also Halbwissen), aber ich habe mal gelesen dass es fast so viele offene Lehrstellen gibt, wie arbeitslose Jugendliche.

    Könnte nicht das der Hund begraben sein? Manch einen Auszubildenden, Absolventen, Langzeitarbeitslosen, will man gar nicht, da er unqualifiziert ist?

  6. Jojo
    7. Oktober 2011 um 13:07

    @Thilo
    Das Problem ist da eher, dass die eigenen Ansprüche oft nicht zu den eigenen Fähigkeiten passen. Ich bin ja großer Verfechter dafür, dass man sich einen Job suchen sollte, an dem man Spaß hat, aber man sollte die eigene Eignung dabei nicht ganz verdrängen …

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